700 Jahre Ziltendorf

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Das Leben auf dem Bauernhof um 1900 - im Frühling

 

Nach einem mehr oder weniger langen Winter kommt der Frühling. Die Kinder in der Schule lernen und singen jetzt das schöne Frühlingslied:

 

„ Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt.

Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.

Er pflügt den Boden er egget und sät

und rührt seine Hände früh morgens und spät.

 

Die Bäu’rin, die Mägde sie dürfen nicht ruh’n

sie haben in Haus und Garten zu tun.

Sie graben und rechen und singen ein Lied

Sie freu’n sich, wenn alles schön grünet und blüht.

 

So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei.

Da erntet der Bauer das duftende Heu.

Er mäht das Getreide dann drischt er es aus.

Im Winter da gibt es manch fröhlichen Schmaus“.

 

Text und Musik aus Nordmähren, 19. Jahrhundert - nach Walter Hensel

 

Der Text dieses schönen Liedes beschreibt schon recht anschaulich die Arbeit auf einem Bauernhof im Frühling.

Das Leben auf dem Bauernhof wird wieder abwechslungsreicher und die Arbeit nimmt wieder zu. Die Frauen waren nun mit dem Frühjahrsputz beschäftigt. Dies war unter den Bedingungen um 1900, ohne Staubsauger und den heutigen modernen Geräten, nicht ganz einfach.  Alles musste nach dem Winter gründlich gereinigt werden. Für die Kinder kam jetzt die Zeit, dass sie wieder draußen spielen konnten. Damals besonders beliebt war das Spielen mit Murmeln. Auf glatten Wegen wurden, sehr zum Ärger der Erwachsenen, kleine Löcher gemacht in denen die Murmeln versenkt werden mussten. Ein sehr wichtiges Spielzeug war natürlich ein Ball. Mit dem wurde Fußball, Völkerball, Treibball usw. gespielt. Die Mädchen spielten auch sehr gern „Hopse“. Die Männer auf dem Bauernhof waren jetzt mit der Ausbesserung der Zäune für die Viehkoppeln beschäftigt. Auch die Arbeit auf den Feldern wird jetzt von Tag zu Tag mehr. Wiesen und Weiden sind nun  abzuschleppen um den Wuchs der Gräser zu beschleunigen. Die Felder, auf denen eine Winterfurche gezogen worden war, müssen geeggt und für die Aussaat des Sommergetreides  vorbereitet werden. Dabei gilt die Regel je früher umso besser. Als Sommergetreide werden Hafer und im wesentlichen Sommergerste gesät. Die Aussaat erfolgte um 1900 ausschließlich von Hand. Dabei war Fingerspitzengefühl notwendig. Im April musste auch die Saat für die Zucker- und Futterüben in den Boden. So frühzeitig wie möglich wurde auf den Feldern, die für den Anbau von Kartoffeln vorgesehen waren, Stalldung ausgebracht und untergepflügt. Kartoffeln benötigen für ein gutes Wachstum und eine reiche Ernte einen gut aufgelockerten Boden. Um diese ganzen Arbeiten schnell und termingerecht erledigen zu können fuhren die Bauern recht früh am Morgen schon auf das Feld. Das 2. Frühstück, bestehend aus gut belegten Broten wurde mitgenommen. Waren die Felder weiter vom Hof entfernt so sind sie auch über die Mittagszeit draußen geblieben. Viele hatten dort auf den weiter abgelegenen Feldern einen „Stall“ errichtet, wo sie und die Pferde die Mittagspause in einem geschützten Raum verbringen konnten. Die Pferde bekamen jetzt etwas zu fressen und hatten ebenso wie der Bauer eine Stunde Ruhe zur Erholung von der schweren Feldarbeit.  Der Bauer musste sich die Zeit so einteilen, dass er zum Füttern am Abend wieder rechtzeitig zu Hause war. Anfang Mai war es dann soweit, die Kühe, das Jungvieh und manchmal auch die Schafe kamen auf die Weide. Jetzt konnten sie das frische Gras und die frische Luft genießen und der Bauer brauchte das Weidevieh am Morgen und am Abend nicht mehr füttern. Die Kinder hatten oft die Aufgabe die kleinen Gänslein zu hüten. Dabei war besonders darauf zu achten, dass sie nicht nass wurden. Als der Monat Juni kam ging es ans Heu machen. Während dieser Zeit sollte es nach Möglichkeit wenig oder gar nicht regnen. Je weniger Regen das Heu bekam, umso besser war die Qualität. Um Heu machen zu können war erst einmal das Gras zu mähen. Das Mähen des Grases war um 1900 nicht so einfach wie in der heutigen Zeit. Es musste alles von Hand mit der Sense gemäht werden, denn Grasmäher wie wir sie heute kennen gab es noch nicht. Für die Bauern, die mehrere Hektar Wiese besaßen war das eine sehr schwere Arbeit. Dazu war eine große Anzahl von Helfern notwendig. Auch für das mehrmalige wenden des Grases gab es noch keine Technik. Diese Tätigkeiten wurden mit Holzharken und von Hand ausgeführt. Auch die größeren Kinder mussten dabei helfen. Mähen und das Wenden des Heus, oftmals bei hohen Temperaturen, waren sehr schweiß treibende Arbeiten. Man kann sagen, es war schon eine große Arbeitsspitze im Jahr. Nach der Heuernte trat im Leben auf dem Bauernhof wieder etwas Ruhe ein. Die Hackfrüchte wie Rüben und Kartoffeln waren in der Zwischenzeit aufgelaufen und ihre Pflege war nun notwendig. Die Kartoffeln, die nach dem Legen aufgehäufelt waren, wurden jetzt um das Unkraut zu vernichten abgeeggt. Nachdem dann das Unkraut vertrocknet war hat man sie wieder aufgehäufelt. Bis die Kartoffelpflanzen die Reihen geschlossen hatten sind sie je nach Bedarf noch mehrmals mit der Handhacke durchgehackt worden. Bei den Rüben war die Pflege zur damaligen Zeit sehr aufwendig. Einzelkornlegemaschinen gab es noch nicht. So sind die Rüben in Reihen dicht an dicht ausgebracht worden. Nachdem sie eine bestimmte Größe erreicht hatten waren sie zu vereinzeln und mit der Hacke von Hand vom Unkraut zu befreien. Bei den Pflegearbeiten der Hackfrüchte benötigten die Bauern die Hilfe ihrer „Tagelöhner“.

Mit Beginn den Monats Juli haben sich die Bauern auf die Getreideernte vorbereitet. Über die Arbeiten auf dem Bauernhof im Sommer berichten wir im nächsten Beitrag. Bis dahin viel Spaß beim Lesen.

 

Walter und Günter Lehmann

Bauer Heinrich Lehmann

Bauer Heinrich Lehmann bei der Frühjahrsbestellung schon mit recht moderner Technik in den fünfziger Jahren. Im Hintergrund die Oderstraße.

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