700 Jahre Ziltendorf

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Meine Kindheitserinnerungen an den Heiligen Abend

 

Der Heilige Abend im Familienkreis gehört für mich zu den schönsten Stunden des Jahres.

Auch in meiner Kindheit empfand ich diesen Tag immer als etwas ganz besonderes.

Schon die Tage der Adventszeit, also die Zeit der Vorbereitung auf die Geburt von Jesus Christus, waren für mich immer Tage der Besinnung und der Ruhe.

Je näher der Heilig Abend kam umso größer wurde die Spannung auf diesen besonderen Tag des Jahres. Am  spannendsten war natürlich die Frage nach den Geschenken die es eventuell geben wird.

Als dann endlich der Heilig Abend gekommen war, hatten alle Familienmitglieder ihre konkreten Aufgaben. Wir Kinder mussten den Weihnachtsbaum schmücken, die Mutter und die Oma waren mit der Vorbereitung des Festessens für den Abend und für die folgenden Feiertage beschäftigt. Der Vater und der Opa erledigten noch die letzten Arbeiten in den Ställen und bereiteten die Versorgung der Tiere für die Feiertage vor, denn an diesen Tagen sollte alles möglichst schnell und reibungslos gehen.

Am Nachmittag gegen 14.00 Uhr machten sich der Vater und wir Kinder für den Gang zur Christnacht fertig. Um einen guten Sitzplatz im Gottesdienstraum des Pfarrhauses zu bekommen, musste man mindestens eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes da sein. Als wir den Raum betraten und die Tanne, die der Weihnachtsbaum  sein sollte erblickten, dachte ich, woher haben sie denn diesen unmöglichen Baum? Weiter in Erinnerung ist mir ein großer weißer Kachelofen, der links neben der Eingangstür stand und gut geheizt war. Vor dem Ofen stand ein Stuhl auf dem ein rotes Samtkissen lag. Dieser Stuhl gehörte Opa Finke, der damals in unserer Kirche als Küster arbeitete. Jetzt füllte sich nach und nach der Raum und wir mussten auf den vorhandenen Bänken immer enger zusammenrücken, damit alle Besucher Platz fanden. Oftmals wurden die kleinen Kinder von ihren Eltern auf den Schoß genommen. Nun wurde es für Eltern und Kinder sehr eng. Da am Heilig Abend die Menschen dicke Mäntel und Jacken trugen wurde es immer wärmer je enger man zusammenrückte.  Ganz besonders heiß wurde es den Besuchern, die dicht am Ofen ihren Platz hatten. Als alle Plätze besetzt waren und immer noch Besucher kamen wurden Stühle aus der Pfarrwohnung geholt und in die Gänge zwischen den Bankreihen gestellt. Dort saß man sehr bequem.  Es war jetzt also so, dass die Besucher die zuletzt kamen die besten Plätze hatten. Das fand ich immer als ungerecht. Wir saßen alle schon eine halbe Stunde wie die Heringe und der Schweiß floss uns zunehmend den Rücken herunter.

Bevor der Pfarrer kam, sind von Opa Finke die echten Wachskerzen an dem Baum entzündet worden. Empfand ich den Baum bisher als unmöglich so änderte sich der Eindruck schlagartig. Das Licht der Kerzen ließ den Baum jetzt als einen wunderschönen Weihnachtsbaum erstrahlen. Die Kerzen erhellten nicht nur den Raum, sondern erwärmten auch die Herzen der Besucher und es zog Ruhe ein. Opa Finke hatte während dieser Zeit die Glocke geläutet. Damals hatten wir in Ziltendorf nur eine Glocke, die in einem hohen hölzernen Glockenturm auf gehangen war. Der Turm schaukelte bei jedem Glockenschlag mit, so dass wir Angst hatten die Glocke könnte einmal Opa Finke auf den Kopf fallen. Aber es ging immer gut. Als der Gottesdienst mit dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu Ende ging hatten es besonders  wir Kinder sehr eilig nach Hause zu kommen. Auf dem Weg nach Hause sahen wir jetzt durch die Fenster der Häuser die hell erleuchteten Weihnachtsbäume in den festlich geschmückten Stuben. Manchmal, wenn wir nach Hause gekommen sind war der Weihnachtsmann schon da und hatte einen Sack mit Geschenken abgestellt. Das hatte den Vorteil, dass wir nicht beten brauchten und sich die Angst vor dem Weihnachtsmann im Rahmen hielt. Allerdings muss ich sagen, es gab damals nicht so viele Geschenke wie in unserer heutigen Zeit. Jeder freute sich über ein Geschenk und einen schönen bunten Teller mit Süßigkeiten.

Nachdem die Bescherung beendet war versammelte sich die Familie zum Abendessen, diesmal in der guten Stube. Nach dem Essen spielten wir Kinder mit unseren Geschenken und die Eltern und Großeltern tranken Glühwein und Grog. Vater und Opa erzählten Geschichten und Erlebnisse aus ihrem Leben. Ob diese Geschichten immer den Tatsachen entsprachen sei hier einmal dahin gestellt. Wir merkten dabei gar nicht, dass es schon Mitternacht war und somit höchste Zeit ins Bett zu gehen.

Soweit meine Kindheitserinnerungen an den Heiligen Abend.

 

 

Günter Lehmann

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