700 Jahre Ziltendorf

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Das Leben auf dem Bauernhof um 1900 - im Sommer

 

Mit Beginn des Monats Juli bereiteten sich die Bauern auf die Getreideernte vor. Jetzt gab es keine Pause bis zum Abschluss der Ernte. Das schöne Erntewetter musste auch an den Wochenenden genutzt werden. Da es um 1900 noch keine modernen Erntemaschinen gab wurde das gesamte Getreide mit den Sense von Hand gemäht. Zur Getreidemahd wurde eine ganz spezielle Sense verwendet. An ihr war ein Gerüst angebracht, mit dem es möglich war, das gemähte Getreide glatt in Schwade abzulegen. Je besser die Schnitter es verstanden das Getreide abzulegen, desto leichter hatten es die Frauen beim abraffen und binden der Garben.

Das Abraffen war nicht ganz ungefährlich, denn zur damaligen Zeit gab es noch keine Spritzmittel gegen Unkräuter. So kam es vor, dass es viele Disteln gab die oftmals die Finger der Frauen zerstachen.  Sicherlich kann man sich vorstellen, dass dies eine sehr schwere und schweißtreibende Arbeit war. Für diese Arbeit reichten die Arbeitskräfte auf dem Bauernhof nicht aus. Jetzt kamen sogenannte „Schnitter“ - meistens aus Polen und den baltischen Ländern zur Hilfe. Die Bauern wurden auch durch Tagelöhner aus den Reihen der Industriearbeiter bei der Ernte unterstützt. Dies war eine Gegenleistung dafür, dass die Bauern die kleinen Felder der Arbeiter das ganze Jahr über mit bearbeiteten. Nachdem nun das Getreide gemäht und zu Garben gebunden war, musste es zum trocknen in „Mandeln“ aufgestellt werden. Eine Mandel (eigentlich 15) bestand in unserer Gegend aus 16 Garben. In anderen Regionen wurden die aufgesetzten Garben auch als „Hocken“ bezeichnet. War das Wetter für mehrere Tage schön und trocken, konnten die Garben aus den „Mandeln“ mit den Erntewagen eingefahren werden. Hat es aber nach dem Aufstellen der „Mandeln“ mehrmals geregnet, mussten diese  zum trocknen der Garben umgesetzt werden. Zum Einfahren der Getreidegarben wurden extra dafür vorbereitete Erntewagen - „Leiterwagen“- benutzt. Diese Wagen entstanden durch Verlängerung aus den sonst üblichen Kastenwagen, mit denen Stückgut wie Kartoffeln und Rüben transportiert wurden.

Nachdem nun das Getreide in die Scheunen eingefahren war, wurde  zumindest ein Teil, der für die Versorgung notwendig war, gedroschen. Zur damaligen Zeit gab es noch keine Dreschmaschinen, also kam jetzt der  Dreschflegel zum Einsatz. Das Dreschen mit dem Flegel war eine schwere und komplizierte Arbeit. Meistens haben mehrere Personen gedroschen. Dabei war es ganz wichtig immer im Takt zu bleiben, damit die Flegel nicht durcheinander flogen. Denn, wenn man den Flegel nicht richtig beherrschte, konnte man sich ihn selber auf den Hinterkopf schlagen. Das Dreschen war sehr kraftraubend und die Leute hatten zu den Mahlzeiten großen Appetit. Daher kommt sicherlich der Ausspruch: „Die fressen ja wie die Scheunendrescher“.

Beim Einfahren des Getreides kam es auch vor, dass ein Gewitter kam und es so stark regnete.dass das Wasser unten aus dem Wagen herausfloss. Dann musste die Fuhre wieder abgeladen werden und die Mandeln (Hocken) nochmals zum trocknen aufgestellt werden. An diesen Darstellungen kann man erkennen, dass die Erntearbeiten um 1900 auf dem Bauernhof sehr schwer und anstrengemd für alle waren. Denn neben den schweren Erntearbeiten mussten auch an allen Tagen frühmorgens und abends die Tiere pünktlich versorgt werden. Es ging es also auf dem Bauernhof von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ohne Pause rund. Die Bäuerinnen hatten besonders viel Arbeit mit der Versorgung der vielen Erntehelfer direkt auf den Feldern. Es musste Mittagessen und auch das „Vesper“ auf das Feld gebracht werden. Ohne Kühltaschen war es damals nicht immer ganz einfach. Die Vesperstullen wurden in Weinlaub und weißen Leinentüchern verpackt. Als die Getreideernte gegen Ende August bzw. Anfang September beendet war wurde Erntefest gefeiert. Jetzt wurden die Erntewagen festlich mit Eichenlaub und vielen Blumen geschmückt. Auch die Pferde, die die Erntewagen ziehen mussten, sind herausgeputzt worden. Von der Dorfjugend hat im Vorfeld zwei Erntekronen geflochten. Eine bestand aus den vier Hauptgetreidearten Wiezen. Roggen, Gerste und Hafer, die zweite aus grünem Eichenlaub verziert mit Blumen und bunten Bändern. Nach einem kurzen Abstecher mit den geschmückten Erntewagen und unter der Begleitung von Musik auf den Feldern, ging es zurück zur Dorfgaststätte. Jetzt wurden die Erntekronen von den jungen Mädchen, die das erste mal am Erntefest teilnahmen, in den Saal getragen. Nachdem die Kronen nun im Saal aufgehangen waren versammelten sich alle in einem großen Kreis unter den Kronen und sangen gemeinsam: „ Nun danket alle Gott …“. Erst danach begann das fröhliche Fest. Nun war das Getreide eingebracht, und es stand noch ein Wiesenschnitt, die sogenannte Grummeternte an. Jetzt wurden die Wiesen, auf denen nocheinmal reichlich Gras gewachsen war, mit der Sense gemäht werden. Mit „Grummet“ konnte eine etwas schlechte Heuernte ausgeglichen werden. Schließlich ist auch diese Arbeit bewältigt worden und die Menschen auf dem Bauernhof atmeten kurz durch und bereiteten sich auf die Hackfruchternte und die Herbstbestellung vor. Dazu aber mehr im nächsten Beitrag.

 

Walter und Günter Lehmann

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